Warum lesen wichtig ist: die außerordentlichen Vorteile des Lesens.

Warum lesen?

Weihnachten, das Fest der Liebe, steht vor der Tür und mit ihm die Frage nach dem geeigneten Geschenk für die Lieben. Umfragen zufolge landen Bücher neben Geld und Gutscheinen am häufigsten unter deutschen Weihnachtsbäumen. Wie verträgt sich das mit der regelmäßig heraufbeschworenen Krise des Lesens, von der besonders die junge Generation betroffen sein soll? Dabei stehen Bücher nicht nur in der Weihnachtszeit in der Rangliste beliebter Geschenke ganz oben. Ist die Krise vom dramatischen Rückgang der Lesekultur also nur eine Sprachhülse? Warum sollten wir überhaupt dieser manchmal doch recht mühevollen Beschäftigung nachgehen? Und wie ist es um die vielgepriesenen Vorteile, die das Lesen mit sich bringt, bestellt? Sind sie wirklich so unschlagbar?

Um die letzte Frage als Erste zu beantworten: Ja, das sind sie. Am besten beginne ich gleich damit:

Lesen bildet

Dass Lesen bildet, ist eine wohlbekannte, eine unbestrittene Tatsache. Es ist Voraussetzung zum Bildungserwerb und im heutigen Computer- und Informationszeitalter die Basiskompetenz für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Die Zahl der Berufe, die Literalität, also Lese- und Schreibfähigkeit, voraussetzen, liegt inzwischen bei stattlichen 96 Prozent.

Lesen ist eine der wirksamsten Möglichkeiten, den eigenen Sprachraum zu erweitern und sich komplexe Wissensräume zu erschließen. Lesen bildet aber nur dann – und das ist entscheidend –, wenn der Lesende die zwischen Buchdeckeln aufbereiteten Wahrheiten, Lehren und Erkenntnisse nicht nur konsumiert, sie als bloße Ansammlung von Informationen versteht, sondern er sie sich einverleibt und damit zulässt, dass sie ihn verändern. Wenn er nach dem Lesen ein anderer ist. Sicherer, differenzierter in seinem Urteil. Wenn er nach dem Lesen eines Buches seine Fähigkeit erweitern konnte, treffender, nuancierter über sein Erleben zu berichten, differenzierter zu empfinden, den eigenen Radius zu vergrößern, die Menschen kraft der durch Bücher verfeinerten Empathie besser zu verstehen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, ganzheitliche gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu erkennen.

Wer liest, erfährt also Neues und erweitert dadurch sein Wissen. Die Aneignung von Wissen, die kein bloßer Zeitvertreib, nicht nur privates Hobby, keine bloße Ansammlung von Informationen ist, sondern mit einer inneren Veränderung einhergeht, die handlungswirksam wird, ist ein Schatz, der bleibt.

Lesen trainiert das Gehirn, entspannt – und ist gesund dazu

Lesen wirkt sich zudem positiv auf das Gehirn und dessen Gedächtnisleistung aus. Die mentale Stimulation durch Lesen fordert das Gehirn, das wie ein Muskel trainiert werden kann und damit Alzheimer vorbeugt. Beim Lesen komplexer Geschichten oder Sachverhalte, die zueinander in Bezug gesetzt werden müssen, damit sie Sinn ergeben, werden neue Synapsen, also neuronale Verknüpfungen, über die eine Nervenzelle in Kontakt zu einer anderen steht, gebildet und bestehende Neuronenverbindungen gestärkt. „Ein Verstand braucht Bücher wie ein Schwert den Schleifstein“, weiß G. R. R. Martin, der Autor von „Das Lied von Eis und Feuer“, zu berichten. Menschen, die regelmäßig zum Buch greifen, bleiben somit auch im höheren Alter fit und leistungsfähig. Lesen steigert zudem die analytischen Fähigkeiten sowie die Fokussierungsfähigkeit, die aufgrund der multimedialen Ablenkung häufig mangelhaft ist.

Studien zufolge helfen Bücher aber auch, abzuschalten und zu entspannen. Es gilt als erwiesen, dass nach nur sechs Minuten die Herzfrequenz des Lesers sinkt und die Muskeln sich entspannen. Das ist allerdings nicht der einzige Vorteil. Bücherlesen entfaltet auch ein therapeutisches Potenzial. Offenbar können laut Deutschem Ärzteblatt durch die Anregung vitaler Kräfte beim Lesen Depressionen gelindert werden, da bei dieser Tätigkeit Teile des Gehirns – der bilaterale präfrontale Cortex, der an emotionalen Erfahrungen beteiligt ist – aktiviert werden, die bewirken, dass Emotionen geweckt werden, die den Leser sich wieder lebendig fühlen lassen. Dem Lesen liegt also eine therapeutische, heilende Kraft inne, die helfen kann, einer traumatischen Fixierung auf das eigene Leid entgegenzuwirken. Es ist also, um es mit Kafka auf den Punkt zu bringen, die „Axt für das gefrorene Meer in uns“. Lesen ist aber noch mehr als das.

Lesen – eine autotelische Erfahrung

Das Abtasten von Buchstabenketten mit den Augen ist Erkenntnissen der Wissenschaft zufolge eine autotelische Erfahrung (von autos, das „Selbst“, und telos, das „Ziel“ bedeutet), also eine sich selbst genügende Tätigkeit, die am meisten ausgeübte Flow-Tätigkeit der Welt. In den Augenblicken, in dem sich der Leser ganz der zweckfreien Lektüre hingibt, darin aufgeht, die Zeit vergisst, den Übertritt in eine andere Welt schafft, die beengenden Ich-Grenzen sprengt, an neuen, fremden Erfahrungen und Erkenntnissen teilnimmt, wird Lesen als beglückend, erfüllend erlebt. Der Leser befreit sich von den alltäglichen Realitätszwängen, verschafft sich neue Freiräume. Ein autotelischer Zustand ist erreicht.

Freilich muss der Leser dem Buch, dem er sich gerade widmet, gewachsen sein, um es mit Genuss zu lesen und an ihm wachsen zu können. Ist es zu anspruchsvoll, legt er es überfordert beiseite, unterschreitet es sein Niveau, kommt möglicherweise Langeweile auf. Die Wahl des richtigen Buches ist also entscheidend.

Doch erfordert Lesen dem Lesenden Zeit und Konzentration ab, die sich mit der Realität des modernen Lebens nur schwer in Einklang bringen lassen. Von der allgemeinen Unruhe der heutigen Zeit, die sich z.B. über das Smartphone mit seinen unzähligen Genussversprechen überträgt, sind Kinder und Jugendliche wie Erwachsene gleichsam betroffen. Jugendliche, weil sie Teil eines Ganzen sein, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen und durch die digitale Welt vom Lesen abgelenkt werden, Erwachsene, weil sie vom Leben selbst, von den täglichen Herausforderungen in Familie und Beruf allzu sehr in Anspruch genommen werden. Außerdem erfordert Bücherlesen nicht nur ungeteilte Hingabe, also die Fähigkeit, sich ganz in ein Buch zu vertiefen und sich von diesem vereinnahmen zu lassen, sondern auch Imaginationskraft – und Anstrengung, Gedankenanstrengung, weshalb es auf der Beliebtheitsskala vor allem bei Jugendlichen nach unten rutscht. Wer diese jedoch aufbringt, wird reich belohnt.

Lesen fördert die Kreativität, weckt Empathie – und hat Folgen für die Gesellschaft

Lesen vermag es also, den Leser zu verändern – vorausgesetzt, er lässt dies zu. Lässt er sich auf den kreativen Akt des Lesens ein, schafft er es, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Zum Glück ist dieses Sehen nicht so konkret wie im Film. Während im Film durch die optische Aufbereitung dem Rezipienten vieles vorgegeben wird, erstehen im Leser, der sich in ein Buch vertieft, Leerräume, die er mit seiner Imaginationskraft füllen kann. Lesen lässt der Phantasie des Lesers genug Raum, die Geschichten, denen er gebannt folgt, ein Stück weit selbst zu formen. Bedeutung entsteht erst durch das Zusammenspiel von Geschriebenem auf der einen und dem Wissen und den Erfahrungen des Lesers auf der anderen Seite. So gesehen liest jeder einen anderen „Steppenwolf“, eine andere „Blechtrommel“, andere „Brüder Karamasow“, andere „Hundert Jahre Einsamkeit“. Weil der Lesende darin seine ganz persönlichen Erfahrungen einfließen lässt – ein Prozess, der das Lesen, wie ich finde, noch individueller, noch spannender macht. Lesen wird somit zu einem „Abenteuer im Kopf, das wir umso dringender bauchen, je formierter und zugleich kontingenter unsere Existenz in einer hochzivilisierten Welt geworden ist“. (Florian Langenscheidt, in: Fahrholz, Bernd u.a. (Hrsg.): Nach dem Pisa-Schock, Hoffmann und Campe 2002, S. 297)

Durch das Eintauchen in die Geschichten von Figuren, die glaubhaft leben, lieben, leiden, kämpfen und hassen, lernt der Leser, dass seelisches Geschehen je nach Charakter unterschiedlich erlebt wird. Das weitet den Blick, und er lernt, differenzierter zu empfinden, vergrößert damit sein Empathie-Potenzial, das eine Erweiterung der Grenzen unseres moralischen Universums ist. Somit werden auch die Beziehungen zu anderen differenzierter und reicher. Überhaupt ist die Fähigkeit zur Empathie nach Peter Bieri „ein Gradmesser für Bildung“: „Je gebildeter jemand ist, desto besser kann er sich ausmalen, wie es wäre, in der Lage anderer zu sein, und dadurch vermag er, ihr Leid zu erkennen. Bildung macht präzise soziale Phantasie möglich, und in dieser Form ist Bildung tatsächlich ein Bollwerk gegen Grausamkeit.“ (ZEITmagazin LEBEN, 02.08.2007 Nr. 32) Denn auf die meisten gebildeten empathischen Menschen haben Hassreden – rassistische, sexistische oder antisemitische Kommentare – keine Wirkung. Weil sie um die wahren Zusammenhänge wissen, sind sie weniger verführ- und manipulierbar.

Die Verinnerlichung von Wissen, die der Prozess des Lesens wie kein anderer mit sich bringt, ist also langfristig für eine wohlhabende, demokratische und friedliche Gesellschaft entscheidend. Sie erzieht zur Mündigkeit des Urteils und zu eigenständiger Reflexion – entscheidende Eigenschaften für die Aufrechterhaltung einer wehrhaften Demokratie.

Lesen trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei

Weisheit kommt mit dem Alter, sagt man. Sie ist aber auch in Büchern verborgen, man muss als Leser also nicht so lange damit warten. Sie ist zwischen Buchdeckeln zu finden. Lesen bringt Gedanken und Vorstellungen in Gang, an denen jeder, der sich in den Zeilen eines Buches verliert, wachsen kann. Der Leser überwindet beengende Ich-Grenzen, kommt von sich los und ist doch in einem tieferen Sinn bei sich. Eine Äußerung Orhan Pamuks finde ich in diesem Zusammenhang aufschlussreich (in: Facetten, Klett 2002):

Man kann das Leben nicht neu beginnen, wenn es vorüber ist, aber wenn man ein Buch in der Hand hält, ganz gleich, wie schwierig es zu verstehen ist, kann man am Schluss zum Anfang zurückkehren, von vorn beginnen, um das Schwierige und damit das ganze Leben zu begreifen.

Bücher sind, um es mit den Worten von Stefan Zweig zu sagen, „geschriebene Fragen“, auf die der nach Erkenntnis Dürstende Antworten sucht, die er bestenfalls durch Nachdenken über das Gelesene bekommt. Lesen ist „ein Fenster zur Welt und zu uns selbst“ (Florian Langenscheidt), ein Anlass, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, ein Weg zur Selbsterkenntnis: „Alle Bücher dieser Welt / Bringen dir kein Glück / Doch sie weisen dich geheim / In dich selbst zurück“ (Herrmann Hesse), die „erste Stufe der Selbstverwirklichung“ (Clemens Weber) – vorausgesetzt, man lässt sich auf das Lesen ein, lässt das Gelesene auf sich wirken, denkt darüber nach: „Die Bildung kommt nicht vom Lesen, sondern vom Nachdenken über das Gelesene“ (Carl Hilty, Schweizer Philosoph und Politiker). Es schafft ganzheitliches Verstehen und Wissen um Zusammenhänge und Zwischentöne und ist damit ein kostbarer Schatz, der nie verloren geht.

Fazit

Lesen weitet den Geist und erfüllt das Herz und ist daher nicht nur eine Sache der Bildung, sondern auch eine der Herzensbildung. Mehr noch – eine elementare Lebenserfahrung, die keiner missen sollte. Eine Tätigkeit, die zu innerem Reichtum führt.

Und um die eingangs gestellte Frage nach der drohenden Gefahr der Lesekultur durch die modernen Medien zu beantworten: Hierin gehe ich mit Florian Langenscheidt konform, der in dem Aufsatz „Nach dem Pisa-Schock“ ein glühendes Plädoyer für das Lesen hält und erklärt: „Und welches ist die Ware, die sich nach bisherigen Erfahrungen am besten im E-Commerce des Netzes der Netze vertreiben lässt? Gerade das angeblich so veraltete Medium Buch.“ (Florian Langenscheidt, in: Fahrholz, Bernd u.a. (Hrsg.): Nach dem Pisa-Schock, Hoffmann und Campe 2002, S. 300). Die Buchmessen verzeichnen jedes Jahr aufs Neue Rekordumsätze, so dass man nur einen Schluss ziehen kann: Die Faszination der Bücher wird nie erlöschen. Wer nur einmal erlebt hat, wie ein Buch einen fesselt, bannt und verstrickt, wie Figuren, die glaubhaft lieben und leiden, kämpfen und scheitern, Macht über einen gewinnen, wie eine Geschichte einen mitreißt und berührt, erschüttert, fasziniert, bewegt – der wird das immer wieder haben wollen. Ahmet Altan schildert in seinem kürzlich erschienenen Buch „Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis“ (2018 bei S. FISCHER erschienen, S. 150) eindrücklich die freudige Erregung, die sich seiner bemächtigt, als er nach langer Zeit wieder ein Buch in den Händen hält:

Das Buch, das ich nach Monaten des Wartens endlich in der Hand hielt, raubte mir fast den Verstand. Ich drückte es an meine Brust, dann lief ich mit dem Buch in der Hand stundenlang im Innenhof hin und her und beobachtete, wie meine dadurch ausgelösten Gedanken sich aneinander rieben. Bevor ich das Buch las, genoss ich ausgiebig die Freude, die es in mir hervorrief.

Dennoch gilt es, der vorherrschenden mangelhaften Lesekultur entgegenzuwirken und vor allem Jugendliche, denen diese Lust am Lesen noch fremd ist, von Fernseher und Computer weg- und an diese subtilere Art des geistigen Genusses heranzuführen, den Weg dazu zu ebnen. Sie fürs Lesen zu gewinnen. Hier sind vor allem Lehrer und Politiker (aber auch jeder Einzelne) gefragt, die dafür Sorge zu tragen haben, dass Lesen nicht weiter in Konkurrenz zu den elektronischen Medien steht, sondern ein wichtiges Werkzeug zu ihrer selektiven Nutzung ist und bleibt. Die Erlernung des richtigen Umgangs mit den neuen Medien, die sogenannte Medienkompetenz, ist hier von zentraler Bedeutung. Den Jugendlichen gerade in unserer schnelllebigen, audiovisuell geprägten Zeit das Lesen und gute Lektüre schmackhaft zu machen und sie in ihrem Wissensdrang zu unterstützen, ist ohne Frage eine schwierige Aufgabe, aber eine bedeutende, verantwortungsvolle. Eine mit Folgen für unsere Gesellschaft.

In diesem Sinne: Seien Sie ein gutes Vorbild und greifen Sie zum Buch! Lassen Sie sich auf das spannende Abenteuer im Kopf ein, tauchen Sie in fremde Welten ein, lassen Sie sich ein auf das phantasievolle Spiel mit Geschichten, entdecken Sie Neues, Unbekanntes, Fremdes, lassen Sie sich fesseln und betören, inspirieren und wachrütteln, stoßen Sie Ihre Meinungen um, ändern Sie sie, ändern Sie sich! Es ist so bereichernd. Niemand weiß das besser als jemand, der sein Hobby, das Lesen, zum Beruf gemacht hat.