Buchrezension eines eindrucksvollen Zeitzeugnisses.

Ahmet Altan: „Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis“

Zum Autor

Ahmet Altan ist ein kritischer Journalist und einer der prominentesten Schriftsteller der Türkei, dessen Romane Auflagen in Millionenhöhe erreicht haben. 2007 gründete er mit Alev Er die Zeitung Taraf, die es sich u.a. zum Ziel setzte, mit den größten Tabus der Türkei – dem Völkermord an den Armeniern und der Diskriminierung der Kurden – aufzuräumen. Die Zeitung wurde kurz nach dem vereitelten Putschversuch vom 15. Juli 2016 verboten.

Am 16. Februar 2018, an dem Tag, an dem Deniz Yücel aus der Haft freikam, wurde Ahmet Altan zusammen mit fünf Journalistenkollegen und seinem jüngeren Bruder Mehmet Altan, einem renommierten Akademiker und Ökonomen, festgenommen. Die türkische Justiz wirft ihm vor, in einer Talkshow am Vorabend des Putsches „unterschwellige Botschaften“ verbreitet und damit den Putschversuch, für den die türkische Regierung die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen verantwortlich macht, unterstützt zu haben. Ein Vorwurf übrigens, der nach dem Putschversuch gegen viele Regierungskritiker erhoben wurde.

In einem Offenen Brief protestierten bekannte Autoren, Künstler und Verleger (darunter u.a. Orhan Pamuk, Elena Ferrante, J. M. Coetze, Herta Müller und Günter Wallraff) gegen die Festnahme der Altan-Brüder und forderten die türkische Regierung auf, die „Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des Landes“ zu beenden. Orhan Pamuk kritisierte am 10. September 2016 in der italienischen Zeitung La Reppublica dieses Vorgehen aufs Schärfste: „In der Türkei werden nach und nach alle, die das Handeln der Regierung kritisieren, eingesperrt … Die Gedankenfreiheit existiert nicht mehr. Wir bewegen uns (in der Türkei) mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime.“ (Wikipedia) Am 16. Februar 2018 wurde Ahmet Altan zu lebenslanger Haft verurteilt.

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„Die AKP wird ihre Macht verlieren. Und sie wird vor Gericht gestellt werden.“ Diese Worte Ahmet Altans in einer Talkshow am Vorabend des Putschversuchs wertete die Staatsanwaltschaft im Nachhinein als „Verbreitung einer unterschwelligen Botschaft“. Altan wurde als „glaubenskämpferischer Putschist“ angeklagt, zehn Tage später dann aber als „marxistischer Terrorist“ zu lebenslanger Haft mit erschwerten Bedingungen verurteilt. Der Widerspruch zwischen „glaubenskämpferisch“ und „marxistisch“ störte die Richter offenbar nicht. Altan hierzu: „Dasselbe Gericht, derselbe Artikel, und zwei sich grundsätzlich widersprechende Anschuldigungen.“ So funktioniert Rechtsprechung in der Türkei. Sein Fazit: „Alles verändert sich auf der Welt, nur Dummheit und Gemeinheit bleiben immer gleich.“

Ahmet Altan hat aus dem Gefängnis heraus eine Sammlung von Texten veröffentlicht, in der er Zeugnis ablegt über seine Verhaftung, sein Leben im Gefängnis, seine Verurteilung, seine Mithäftlinge und über die Absurdität des türkischen Justizsystems, die ihn zu entlarvend komischen Szenen inspiriert.

Seine sehr persönlichen, dezidierten, zum Teil philosophisch anmutenden Beobachtungen über Freiheit und Einengung, Schuld und Unschuld, Angst, Hoffnung, Glück, Sehnsucht und Schönheit, über die Macht des Wortes und die Kraft der Phantasie verleihen seinen Texten eine ganz besondere Eindringlichkeit und überzeugen durch die Einzigartigkeit des Banns, in den Altan den Leser zieht.

„Ich rauche nur, wenn ich nervös bin.“

Der ergreifende Auftakt, die Schilderung seiner erwarteten Verhaftung, gibt die Richtung an, in die es in dem Büchlein geht. Ein friedlicher Septembermorgen bricht heran. Sechs Polizisten der Abteilung Terrorbekämpfung verschaffen sich in der Morgendämmerung Zutritt zu seiner Wohnung und beginnen mit der Durchsuchung, während Altan Teewasser aufsetzt. Wie sein Vater viele Jahre zuvor bietet auch er den Polizisten Tee an: „Dies ist keine Bestechung. Sie können ruhig einen Tee annehmen.“ Doch sie lehnen ab.

Die Tasche mit dem Nötigsten – Wäsche zum Wechseln sowie ein paar Bücher – ist bereits gepackt. Altan verlässt mit den Polizisten seine Wohnung. Erst im Polizeiauto wird ihm schlagartig die Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst. Nun ist es ein Polizist, der ihm eine Zigarette anbietet. Diesmal lehnt Altan lächelnd ab mit den Worten: „Ich rauche nur, wenn ich nervös bin“.

Der gerade Festgenommene ist also nicht nervös. Mit diesem aus seinem „Innersten aufsteigenden heimlichen Gelächter“ schafft er eine Distanz zwischen seinem Körper, der „in einer Zange gefangen“ ist, und seinem Bewusstsein, das „von einem tiefen Glauben an seine Unverletzlichkeit beseelt“ ist und das keineswegs bereit ist, sich ohne Widerstand zu ergeben. Was verleiht ihm die Kraft, sich über die ihn bedrängende Wirklichkeit lustig zu machen und sich dadurch über sie zu erheben? Es ist seine Bildung, das Wissen darum, dass auch andere kraft ihrer Gedanken diesen Sprung in eine „neue Wirklichkeit“ geschafft haben (so führt Altan an, dass Boethius, um nur ein Beispiel zu nennen, sein wichtigstes Buch in der Todeszelle verfasst hat), eine ihm „durch die stählernen Panzer“ seiner Bücher „garantierte Unverletzlichkeit“. Dieses Wissen um die eigene Stärke und Unverletzlichkeit verleiht ihm die Kraft zum Widerstand.

Aber nicht nur der Schriftsteller vermag es, so Altan, durch „unerwartetes Verhalten“ Widerstand zu leisten und sich davor zu schützen, vom Strudel der Ereignisse mitgerissen zu werden, nein, jeder Einzelne ist dazu in der Lage. Sein Fazit: „Eine grenzenlose Macht können wir so erlangen“. Ein Satz mit Sprengkraft, wie ich finde! Und ich frage mich, wie es der Text durch die engen Maschen des Hochsicherheitstrakts geschafft hat.

Im Käfig

Doch so einfach entkommt niemand der niederdrückenden Realität. Auch ein Ahmet Altan nicht. Aus nächster Nähe lässt der Autor uns an seinem täglichen Kampf teilhaben. Ein Kampf darum, nicht aufzugeben, sich, trotz Widerstände, nicht brechen zu lassen, die eigene Würde zu bewahren, nicht verrückt zu werden. Als er die stickige kleine Zelle betritt, den „dunklen Käfig mit Eisengittern“, in dem „die der Welt Entrissenen“ die „wächserne Starrheit des Todes im Gesicht“ tragen und ihm mit müden Augen, ungepflegten Bärten, nackten Füßen und verschwitzten Körpern entgegenblicken, ergreift ihn Panik. Er ringt nach Luft, die Hitze umstreicht sein Gesicht „wie ein pelziges Tier“, und es regt sich ein „Heer von Gespenstern“, denen er keinen Einhalt zu gebieten vermag. Er begegnet einem Raum zwischen Leben und Tod. Diese „verlassene Leere“ erweckt in ihm den unwiderstehlichen Wunsch, aus diesem Käfig auszubrechen, aus dem es aber, und das weiß er, kein Entrinnen gibt. Er ist dem Wahnsinn nahe:

Dann sah ich zwei Augen. Zwei gläsern glänzende kalte, mitleidslose, fast feindselig schauende Augen, die denen eines Wolfes glichen, der im Dickicht eines Waldes auf seine Beute lauert. Diese Augen starrten aus meinem Inneren und beobachteten mich. Ich beobachtete mich selbst.

Aus dieser Situation befreit er sich, indem er sich „mit instinktiver Anstrengung“ dem Gedanken an den eigenen Tod hingibt: „Der Gedanke an meinen Tod beruhigte mich auf seltsame Weise. Eines Tages würde ich sterben. Jemand, der sterben wird, muss sich nicht davor fürchten, was ihm in seinem Leben begegnen wird.“

Altan spürt, wie sich die kalten Augen in seinem Inneren schließen, dass der Wolf vertrieben, die Gefahr gebannt, die Angst überwunden, der Wahnsinn abgewehrt ist.

Die „der Welt Entrissenen“

Die Inhaftierten werden, so beschreibt es Ahmet Altan, von der Welt der Lebenden abgesondert, „so wie man eine faulige Stelle oder einen wurmigen Stiel aus einer Frucht herausschneidet“. In den dunklen, stickigen Zellen scheinen sie ihre persönlichen Eigenheiten aufgegeben zu haben, „zu einem riesigen beweglichen Fleischklumpen verschmolzen“ zu sein.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihnen die Möglichkeit genommen wird, in einen Spiegel zu schauen, der ihre eigene Existenz bezeugen könnte. Dadurch werden sie aus dem Leben „fortgewischt“. Durchaus mit Absicht. Ziel der Gefängnisleitung: Die Gefangenen sollen ihr Gesicht verlieren und dadurch ihren Widerstand schneller aufgeben.

Das Böse

Den Häftlingen, die, so unterschiedlich sie auch sein mögen, untereinander eine große Solidarität an den Tag legen, stellt der Autor die Menschen gegenüber, die außerhalb der Gefängnismauern ihrem Beruf nachgehen, aber mit Gefangenen zu tun haben.

Eines Tages wird er zusammen mit einigen inhaftierten Richtern in Handschellen zum Röntgen ins Krankenhaus gebracht. Anschaulich beschreibt Altan, wie sich die Handschellen bei jeder Bewegung zusammenziehen und sich schmerzhaft in seine Handgelenke eingraben. Beim Eintreten ins Untersuchungszimmer hofft er, für einen kurzen Augenblick von den Handschellen befreit zu werden, doch die Röntgenassistentin befindet, dies sei nicht nötig. Altan ist vom Verhalten dieser allem Anschein nach frommen Frau überrascht, das sich weder mit ihrem Glauben noch mit ihrem Berufsethos vereinbaren lässt, und stellt Überlegungen über das Böse an. Was ihm dabei besonders auffällt, ist das Fehlen eines das Böse begleitenden Gefühls, wie etwa Zorn, Rache oder Profitgier. Ihr Gesicht ist vielmehr ausdruckslos, wie ein „Bilderrahmen ohne Bild“. Das Menschliche ist diesem Menschen also abhanden gekommen. Dies erscheint ihm wie eine dem menschlichen Wesen fremde Verzerrung, das „Böse in Reinform“.

Altan zieht die einfache wie überraschende Schlussfolgerung, sich auf Viktor E. Frankl berufend, der als Gefangener von Auschwitz seine Beobachtungen über die Verhaltensweisen von Häftlingen und Wärtern in Auschwitz in seiner „Logotherapie“ zusammenfasst: Moralisch minderwertige Menschen sind unter den Gefangenen genauso zu finden wie edle Persönlichkeiten unter den Wärtern.

Das leuchtet ein. Altan spinnt den Gedanken weiter. Seine Mutmaßung: Eine unedle Gesinnung entwickelt sich und wächst heran, wenn sie ein geeignetes Klima vorfindet, sobald sich also dem zum Bösen neigenden Menschen die Gelegenheit bietet, böse Taten auszuführen, ohne dafür bestraft zu werden.

Indem der Autor sich weigert, auf die ihm zugedachten Bosheiten und Erniedrigungen zu reagieren, und sich stattdessen darum bemüht, die Beweggründe des Handelns dieser Menschen nachzuvollziehen, schafft er zwischen sich und seinen Erlebnissen eine unsichtbare Mauer, die ihn vor ihren Angriffen schützt. Er macht diese Menschen zu einem Untersuchungsgegenstand und stellt damit ein Gleichgewicht her. „Ich denke, dies war meine Art, mich zu wehren.“

Das Leuchten des Glücks

Altan lernt im Gefängnis viele Menschen kennen, deren Eigenheiten er mit warmem Blick einfängt. Ein junger Lehrer fällt ihm dabei besonders auf. Anders als viele, die in einer ähnlichen Situation nicht gezögert hätten, andere anzuschwärzen, bringt er es nicht übers Herz, seine Kameraden zu verraten. Immer wieder hört man ihn diese Sätze vor sich hinflüstern: „Ich kann niemanden verraten. Etwas so Schlechtes bringe ich nicht über mich.“ In der engen stickigen Gefängniszelle ficht er einen Kampf mit sich selbst aus, erlebt die Qualen des Dilemmas, sich entweder selbst zu retten, indem er andere ins Unglück stürzt, oder seine edle Gesinnung mit einer Gefängnisstrafe zu bezahlen.

Von diesem frommen Lehrer fühlt sich der Schriftsteller auf magische Weise angezogen. Er regt ihn dazu an, im Gefängnis, „dem greifbaren Sinnbild des Unglücks“, über das Glück und dessen Zauber nachzudenken. Altan versucht, den „Moment der Ekstase“ nachzuempfinden, in dem der Lehrer eines Tages mitten in einem Schneesturm in vollem Bewusstsein entschieden hat, aus einem Kleinbus auszusteigen und seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Die nächsten drei Jahre wird er in einem abgelegenen Dorf in völliger Einsamkeit und unter schwierigsten Bedingungen verbringen, auf die Liebe, die Aussicht, eine Ehefrau zu finden, verzichten und sich allein den Menschen im Dorf widmen. „Das waren die glücklichsten Jahre meines Lebens“, bemerkt er schlicht. Worin aber genau dieses Glück bestand, verrät er nicht. Allein das „Leuchten dieses Glücks“ in seinen Augen ist selbst im Dämmerlicht der Zelle für jeden erkennbar.

Mit dem allen Schriftstellern ureigenen Instinkt versucht Altan, dem Geheimnis dieses „dreijährigen unvergleichlichen Glücks“ nachzuspüren. Ihm fehlt in dieser Geschichte des Glücks die Wärme, die Liebe einer Frau, und er fragt sich, ob die Zuneigung einer Dorfgemeinschaft diese zu ersetzen vermag und ihn „auf ähnlich unvergessliche Weise“ glücklich machen kann. Das Geheimnis des Glücks will sich ihm jedoch nicht so leicht erschließen: „Glück. Welch ein funkelndes und betörendes Wort! Und wie es sich weigert, mir sein Geheimnis preiszugeben! Bei jeder neuen Betrachtung zeigte es ein anderes Aussehen.“

Altan kommt zu dem Schluss, dass es keine allgemeingültige Glücksformel gibt, dass Glück für jeden etwas anderes bedeutet. Keine neue Erkenntnis, zugegeben, aber grandios in die leichtfüßig erzählte Geschichte des jungen Dorflehrers gegossen, der mit bewundernswerter Entschlossenheit und ohne Furcht den Aufbruch in ein neues Leben wagt.

Sehnsucht, Schönheit, Hoffnung

Eines Nachts funkelt ihm aus dem vergitterten Gefängnisfenster ein überwältigend schöner Mond entgegen. Der Anblick des von blauen Wellenlinien durchzogenen Mondes mit seinem silbrig schimmernden Licht erfüllt ihn mit Schrecken, denn: „Etwas so Schönes im Gefängnis zu erblicken ist angsteinflößend.“ Es erinnert schließlich an das Leben draußen und seine Schönheiten – unerreichbar für die Gefängnisinsassen.

Aus demselben Grund fürchtet Altan auch die vorbeiziehenden Flugzeuge. Sie fliegen in „freie Länder“ und wecken Sehnsüchte, denen er im Gefängnis hilflos ausgeliefert ist. Der Autor erklärt schlicht: „Für alles außer der Sehnsucht lässt sich eine Lösung finden.“

Nimmt diese Sehnsucht überhand und wächst sich zu einer Krise aus („Ein Gefühl, als ob etwas Lebendiges in dir dich zerreißen und nach draußen dringen will, als ob dein Herz zerspringt. Ein Gefühl, als ob du stirbst.“), hilft nur noch Bewegung. Stundenlanges Auf- und Abgehen im Gefängnishof. Bis zur Erschöpfung. „Bis du nicht mehr kannst.“

Auch die Hoffnung findet eine anschauliche Beschreibung. Während der Autor auf sein Urteil wartet, kann er nicht verhindern, dass wider alle Vernunft Hoffnung in ihm aufkeimt. Er bemerkt mit Verwirrung, wie sich unter seinem „realistischen Pessimismus“ immer wieder „kleine Funken von Hoffnung“ ihren Weg bahnen.

Wenn der Mensch innerlich friert, ist die Hoffnung ein so herzerwärmendes, anschmiegsames und berauschendes Gefühl, dass es ihm unmöglich ist, sie aufzugeben. Von dieser Hoffnung genährte Tagträume rühren sich mit vorsichtigen Schritten in den hinteren schattigen Bereichen meines Bewusstseins: Ich trete durch das Gefängnistor nach draußen, ein tiefer Atemzug, eine erste Umarmung, Worte der Freude, ein Hauch von Glück, und über allem ein weiter blauer Himmel.

Die Kraft der Phantasie und die Macht des Wortes

Altan steht immer wieder am Rande des Zusammenbruchs. Was ihn davor bewahrt, ist seine unerschöpfliche Phantasie und das Schreiben: „Ich werde schreiben, um leben, widerstehen, kämpfen, mir selbst gefallen und mir meine Schwächen verzeihen zu können.“

Seine Vorstellungskraft speist sich aus inneren Quellen, sie ist sein wahrer Reichtum, sie lässt sich auch von Gefängnismauern nicht eindämmen: „In einer Gefängniszelle eingesperrt, bereise ich die ganze Welt“. Sie trägt ihn, wohin auch immer er will. Auf den Flügeln seiner Phantasie unternimmt der Schriftsteller „unbegrenzte Reisen“, so dass er zu Recht behaupten kann: „Bis heute bin ich noch nie im Gefängnis erwacht – nicht ein einziges Mal.“

In den letzten Zeilen seines Buches erhebt der Autor noch einmal seine Stimme. Es ist die Stimme eines Menschen, der sich nicht brechen, der sich nicht einkerkern lässt. Denn er verfügt als Schriftsteller über ein Mittel, das alle Gefängnismauern einzureißen vermag: das Wort. Es entfaltet eine Wirkung, der sich niemand, der es vernimmt, entziehen kann. Es ist Rebellion und Trost zugleich, eine „Zaubermacht“ eben, die die Welt zu verändern vermag. Und ein kleiner Triumph gegen die Tyrannei:

Ich schreibe diese Zeilen in einer Gefängniszelle. Aber ich bin nicht gefangen. Ich bin Schriftsteller. Ich bin weder dort, wo ich bin, noch dort, wo ich nicht bin. Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.

Fazit

Ahmet Altan kleidet seine Betrachtungen in eine schlichte, klare, poetische, fast anmutige Sprache, die es jedem Leser einfach macht, dem Fluss seiner Gedanken zu folgen. So wird Lesen zum Genuss. Weil die Schönheit der Sprache trägt und ihre wunderbare Leichtigkeit, die alles Düstere verbannt. Ahmet Altans „Ich werde die Welt nicht wiedersehen“ ist ein bewegendes Buch und wichtiges Zeitzeugnis. Lesen Sie es, es lohnt sich!

 

Ahmet Altan: Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis. S. FISCHER 2018
ISBN 978-3-10-397425-6