Rose Ausländer: Leben und Werk

Wort an Wort

Rose Ausländer, 1914

Rose Ausländer gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr poetisches Werk umfasst mehr als dreitausend Gedichte. Und doch wurde sie als Lyrikerin Jahrzehnte nicht wahrgenommen. Erst in hohem Alter – mit der Publikation ihres Gesamtwerks – erreicht Rose Ausländer ein breiteres Leserpublikum und erste allgemeine Anerkennung. Sie wird mit zahlreichen deutschen Literatur- und Lyrikpreisen gewürdigt. Viel wichtiger ist ihr aber das Gespräch „mit dem interessierten Leser“: „Ich schreibe für mich. Aber ich publiziere für Leser. Und deren Echo ist Sonnenschein für mich, ohne den ich vielleicht nicht wachsen könnte.“

 

 

Glückliche, unbeschwerte Kindheit und Jugend

Rose Ausländer kommt 1901 als Rosalie Beatrice Ruth Scherzer  in Czernowitz, der Hauptstadt des österreichisch-ungarischen Kronlandes Bukowina, zur Welt. Sie wächst in einem weltoffenen, liberal deutsch-jüdischen Elternhaus auf. Sie erlebt eine behütete Kindheit und Jugend, erfährt das Glück und die Geborgenheit des Elternhauses, die starke Liebe zur Mutter und die lebenslange Bindung an die Heimatstadt. Czernowitz ist zu jener Zeit eine blühende Kulturmetropole in der Bukowina, eine Vielvölkerstadt, in der Deutsche, Juden, Rumänen, Russen, Polen und Ukrainer friedlich zusammenleben. Rose Ausländer stammt aus einer Literaturlandschaft, die etwa zwei Jahrhunderte lang bestand und im Jahre 1944 mit der Vertreibung ihrer deutschsprachigen Bevölkerung unterging. Diese Literaturlandschaft hat – im Exil – ihre bedeutendsten Autoren hervorgebracht: Paul Celan und Rose Ausländer.

In „Erinnerungen an eine Stadt“ setzt die Dichterin ihrer Heimatstadt ein Denkmal:

In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu „gezwungen“, sich mit philosophischen, politischen, literarischen oder Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen. Eine versunkene Stadt. Eine versunkene Welt.

Von Kindheit an mit der klassischen Literatur vertraut – Goethe, Schiller und Heine gelten als „Dreigestirn“ der deutschen Dichtung –, studiert sie Literaturwissenschaft und Philosophie, muss das Studium jedoch ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters abbrechen.

Exil in Amerika

1922 wandert sie, von der Mutter, die die Familie nicht mehr erhalten kann, gedrängt, mit ihrem Jugendfreund und späteren Ehemann Ignaz Ausländer in die USA aus. Die Trennung von der geliebten Mutter ist für sie eine äußerst traumatische Erfahrung. „Als ich / aus der / Kindheit floh / erstickte / mein Glück / in der Fremde“, heißt es im Gedicht „Mutterlicht“. 1924 lernt sie ihren bedeutendsten literarischen Förderer kennen: den Dichter, Übersetzer und Publizisten Alfred Margul-Sperber, der sie in der Heimat bekannt macht. Nach Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft wagt sie einen Besuch in die Heimatstadt. 1926 findet das langersehnte Wiedersehen mit ihrer Mutter, dem Bruder, Freunden und Bekannten statt. Dabei lernt sie den vierzehn Jahre älteren Kulturjournalisten und Grafologen Helios Hecht kennen, für den sie in leidenschaftlicher Liebe entbrennt. Ab 1931 lebt das Paar zusammen. 1935 trennt sich Ausländer von Hecht, nachdem dieser ohne ihre Zustimmung in einem Monatsblatt eine „Charakteranalyse“ von ihr veröffentlicht. Er ist die große, aber unerfüllte Liebe ihres Lebens, die ihre Lyrik bis in ihr Alterswerk prägt.

Rückkehr nach Europa

Angesichts der bedrohlichen politischen Situation reist sie 1939 erneut in die USA, gibt aber die Sicherheit in Amerika auf und kehrt noch im selben Jahr in ihre Heimatstadt zurück, um ihre erkrankte Mutter zu pflegen. In Czernowitz erscheint 1939 ihr erster Gedichtband, „Der Regenbogen“, der, achtzig Gedichte umfassend, heute als verschollen gilt. Die Auflage wurde im Krieg eingestampft, der Verleger nach Kriegsende nach Sibirien deportiert. Dem Gedichtband ist keine große Leserschaft beschieden, doch die Kritik ist überschwänglich. Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländers Entdecker, Förderer und Mentor, lobt ihre schlichten Sprachkunstwerke, in denen sie „das Natürlichste, Selbstverständlichste und Menschlichste“ so ausspreche, „dass es neu und zum ersten Male gesagt erscheint“. Er hebt ihre klare, ungekünstelte Sprache hervor, deren Schlichtheit „oft erschütternd“ sei und „tiefe Wirkungen“ erziele, wie etwa der Satz aus einem ihrer Liebesgedichte: „Und alles wird dann anders sein …!“ Auch der Vers „Was fängst du jetzt noch an mit Deinen Tagen?“ erschüttert jedes Herz. Die Beispiele gewähren einen Einblick in die Schaffensphase der jungen Autorin, für die schnell feststeht, dass Lyrik ihr „Lebenselement“ ist.

Unter dem Joch der SS – Überlebenskampf in Czernowitz

1941–1944 besetzen die Nazis die Stadt, und die jüdische Bevölkerung ist schlimmster Drangsal ausgesetzt. Unter unmenschlichsten Bedingungen wird sie im Getto der Stadt zusammengepfercht, um in die Vernichtungslager abtransportiert zu werden. Die meisten Juden der Stadt werden ermordet (von 60.000 überleben nur 5.000). Rose Ausländer lebt unter ständiger Todesfurcht, entgeht aber einer Deportation. Sie hält sich zeitweise mit ihrer Mutter in einem Kellerversteck verborgen – und überlebt. In einem ihrer Gedichte ist zu lesen: „Wir stiegen in den Keller, er roch nach Gruft. / Treue Ratten tanzten mit unseren Nerven. // Sie kamen mit giftblauem Feuer unser Blut zu verbrennen. / Wir waren die Scheiterhaufen unsrer Zeit“ („Gettomotive“).

In der Skizze „Alles kann Motiv sein“ berichtet Rose Ausländer von der Zeit im Czernowitzer Getto, vom harten Kampf ums physische und psychische Überleben:

Getto, Elend, Horror, Todestransporte. In jenen Jahren trafen wir Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei Verhaltensweisen: Entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben. Überleben.

Bei einem dieser Treffen lernt sie Paul Celan (Paul Antschel) kennen, und die jungen Poeten lesen sich gegenseitig ihre Gedichte vor. Beide finden bei dem jeweils anderen lobende Wertschätzung. Ausländer nimmt sogar für sich in Anspruch, den wahren Wert von Paul Celans Dichtung als eine der Ersten erkannt zu haben: „Niemand hatte so rechtes Verständnis für seine originellen Gedichte mit den besonderen eigenen Metaphern. Ich war von ihnen begeistert und warb für ihn unter Freunden und Bekannten.“

Neue Welt – alte Welt

Nach den Schrecken der Verfolgung übersiedelt die Dichterin 1946 in die USA. „Existenzkampf. Umorientierung. Provokation“, beschreibt Ausländer die Zeit in New York, die ihr keine zweite Heimat bieten kann („Alles kann Motiv sein“). Zu sehr hadert sie mit den harten Arbeitsbedingungen, dem fremden Lebensstil, der Hektik der Stadt. Der Schock der Kriegserlebnisse, der Verlust der Mutter und die Erfahrung der Fremde lassen die „Überlebende des Grauens“ verstummen. Rose Ausländer ist jahrelang nicht in der Lage, in ihrer Muttersprache, der „Sprache der Mörder“, zu dichten. Sie verfasst ausschließlich englische Gedichte, denen Kenner einen hohen Rang zubilligen. Erst die Begegnung mit einigen amerikanischen Dichtern der Moderne, darunter mit der Lyrikerin Marianne Moore, bewirkt die „Rückkehr zur Muttersprache“ Deutsch. „Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse … Geheimnis des Unterbewusstseins“, erklärt Ausländer dazu.

1964 übersiedelt die Dichterin nach Wien, wo nach langer Zeit der Band „Blinder Sommer“ erscheint. Er enthält Gedichte von außerordentlicher Intensität. 1965 wird Ausländer in Düsseldorf sesshaft, wo einige Freunde aus Czernowitz leben. Als Verfolgte des Naziregimes erhält sie eine Entschädigung und bezieht eine Rente, womit sie sich den lang gehegten Kindheitstraum vom Reisen erfüllt: Sie bereist Frankreich, Italien, Holland, Israel und letztmals die USA, lebt auf gepackten Koffern in Hotels und Pensionen, führt ein unruhiges Wanderleben: „Fliegend / auf einer Luftschaukel / Europa Amerika Europa // ich wohne nicht / ich lebe“ („Biografische Notiz“).

Die beiden letzten Jahrzehnte im Nelly-Sachs-Haus

Von 1970 bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 lebt Ausländer im Nelly-Sachs-Haus, dem Altenheim der jüdischen Gemeinde am Nordpark der Heine-Stadt. Die Düsseldorfer Jahre zählen zu ihren produktivsten. Nach einem Sturz ist sie viele Monate ans Bett gefesselt und auf dauernde Pflege angewiesen. Diesen erzwungenen Zustand wandelt sie in ein selbst gewähltes Exil um. Zimmer 419 im 4. Stock des Nelly-Sachs-Hauses wird zur letzten Zuflucht der nicht mehr jungen Lyrikerin, die sich, zwischendurch an enthusiastischen Leserbriefen erfreuend, nun ganz dem Schreiben widmet: „Drei Mahlzeiten / das Bett / dann und wann eine Stimme // Briefe / die mich zum Himmel / heben // Dort wirbeln / leuchtende Wolken // Ein Abglanz / fällt auch auf mich“ („Abglanz“).

Die persönlichen Kontakte schränkt sie auf ein Minimum ein (nur ihrem Verleger Helmut Braun und ihrem Bruder Max gewährt sie – zeitlich begrenzten – Zutritt). In dieser Zeit erscheinen zwei Dutzend neue Gedichtbände. Der von Helmut Braun herausgebrachte umfangreiche Band „Gesammelte Gedichte“ verhilft ihr zum Durchbruch und rückt sie in den Fokus der Öffentlichkeit und der Literaturkritik. Rose Ausländer erfährt nun die Anerkennung, auf die sie so lange hat warten müssen. Ihr letztes Gedicht lautet „Gib auf“: „Der Traum / lebt / mein Leben / zu Ende“.

Heimatlosigkeit und Heimatsuche

Rose Ausländers Gedichte kreisen im Wesentlichen um die Themen Vertreibung, Flucht, Judentum – Schoah, Exil, Fremde –, Sprache – als Mittel des Ausdrucks –, Liebe, Einsamkeit, Alter und Tod.

Ein weiteres Motiv, das sich wie ein roter Faden durch ihr Werk zieht, ist das des Heimatverlusts und der Suche nach einer neuen Heimat. Ihr Vaterland ist untergegangen, das Land der Kindheit verloren: die sanfte Hügellandschaft der Bukowina, des „Buchenlandes“, am Fuße der Karpaten mit den grünen Wiesen und den fruchtbaren Äckern, in der Menschen verschiedener Kulturen – Deutsche, Juden, Rumänen, Ukrainer – in Frieden zusammenlebten („Menschen, die sich verstehen“, „Bukowina III“). Die Judenverfolgung durch die Nazis, der ein Großteil der Juden der Stadt zum Opfer fiel, hat die kulturelle Harmonie und Gemeinschaft zerstört: „Viersprachig verbrüdert / Lieder / in entzweiter Zeit“ („Bukowina II“).

Rose Ausländer ist eine aus ihrer Heimat Vertriebene, auf ewiger Irrfahrt zwischen der alten und der neuen Welt. Da die Welt ihr keine Heimat mehr bietet, muss sie sich außerhalb der Welt eine Heimat suchen. Für sie als Lyrikerin gibt es diese Möglichkeit. Es ist das „Mutterland Wort“, das sie selbst gestalten, über das sie jederzeit verfügen, das ihr nicht genommen werden kann. Es ist ihre unzerstörbare geistige Heimat: „Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer / Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort“ („Mutterland“). Die Lyrikerin leitet ihre Identität nicht zuletzt aus ihrem Schreiben ab, da erst das Gedicht sie selbst erschafft, ihre Existenz begründet: „Wenn ich verzweifelt bin / schreib ich Gedichte // Bin ich fröhlich / schreiben sich Gedichte / in mich // Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe“ („Wer bin ich“)?

Mutterland Wort

Ihr Schreiben ist ein Suchen nach Heimat: „Ich suche / eine Insel / wo man atmen kann / und träumen / dass die Menschen gut sind („Suchen I“). Dabei darf Rose Ausländer nicht als naiv bezeichnet werden. Vielmehr formt sie in schnörkelloser, rhythmisch-musikalischer Klarheit Verse von melodiöser Schwermut, die wohl Trauer, aber keine Verzweiflung kennen. Denn sie findet Rettung in der Sprache. „Ich will wohnen im Menschenwort“, heißt es in einem Gedicht, und an anderer Stelle „Mutter Sprache / setzt mich zusammen“ („Mutter Sprache“). Diesem „Menschenwort“, diesem „Atemwort“ werden alle Schreckenserfahrungen des Krieges und des Exils entgegengehalten. Indem sie über Erlebtes schreibt, verarbeitet und „verwandelt“ sie es.

Denn sobald wir unsere Erfahrungen, und noch die unerträglichsten, genau benennen, leben wir sie von ihrem anderen Ende her, von dem menschlichen und nicht dem verdinglichten, als ob wir frei wären, sie anzunehmen oder abzulehnen. Wir sind für einen Augenblick Subjekt, nicht Objekt der Geschichte. „Wir machen etwas aus dem, was man aus uns gemacht hat.“ (Hilde Domin)

Auf die Frage, was Schreiben eigentlich sei, erklärt Ausländer: „ein Trieb“, und auf die Frage, warum sie fast ausschließlich Lyrik betreibe, sagt sie:

Ich widme mich nicht der Lyrik, sie widmet sich mir. Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben (ich bin träge, wehre mich oft dagegen, leide darunter), sondern weil etwas Unerklärliches in mir mich quält und mir keine Ruhe lässt, bis ich, was mir einfällt, zu Papier bringe.

Wort an Wort

Rose Ausländer ist eine unerbittliche Versarbeiterin. Die erste Fassung erfolgt nach ihren Aussagen „meistens in wenigen Minuten. Dann beginnt die tagelange, wochen- und manchmal jahrelange Arbeit, das Be- und Umarbeiten. Von manchen Gedichten mache ich zwanzig Fassungen, bis eine mich befriedigt – oder keine“ („Die Nacht hat zahllose Augen“). Ihren lyrischen Werken ist diese Anstrengung jedoch nicht anzumerken. Es gelingen ihr Verse von schlichter, ja betörender Schönheit, wie etwa das Liebesgedicht „Das Schönste“, in dem das Zarte, Zauberhafte, Großartige der Liebe aufs Eindrücklichste zur Sprache kommt: „Ich flüchte / in dein Zauberzelt / Liebe // Im atmenden Wald / wo Grasspitzen / sich verneigen // weil / es nichts Schöneres gibt“.

Ein anderes Gedicht thematisiert die Hoffnung: „Wer hofft / ist jung // Wer könnte atmen / ohne Hoffnung / dass auch in Zukunft / Rosen sich öffnen / ein Liebeswort / die Angst überlebt“. Das Gedicht ist Ausdruck ihres Glaubens an die Liebesfähigkeit der Menschen und die trostspendende Kraft des Gedichts, ihrer Sehnsucht nach Harmonie, Humanität und Frieden, nach einer besseren Welt. Dass ein Leben ohne Bitterkeit auch nach den traumatischen Erfahrungen zweier Weltkriege, des Leids und des Elends der Schoah und des Exils möglich ist, davon kündet folgendes Gedicht: „Versöhnlich / mein Gettoherz / will sich verwandeln / in eine hellere Kraft“ („Versöhnlich“).

Franz Norbert Mennemeier bezeichnet Ausländers Dichtung als eine Lyrik, die „ohne falsche Scham ‚schön‘ zu sein versucht“. In ihren späten Gedichten strebt die Dichterin nach Einfachheit, Reduktion, Verknappung. Diesen Werken wohnt eine außerordentliche Musikalität inne. Es sind Gedichte, die ein uneingeschränktes „Ja sagen / zum Leben“ („Ja sagen“). Dabei ist Ausländers Poesie nicht monologisch – im Gegenteil. Die Lyrikerin will den Dialog, sucht den Gesprächspartner, den „interessierten Leser“, dessen Echo „Sonnenschein“ für sie ist: „Wir wohnen / Wort an Wort / Sag mir / dein liebstes / Freund // meines heißt / DU“ („Wort an Wort“).

Rose Ausländer – eine Ausnahmeerscheinung

Alfred Margul-Sperber bezeichnete einmal die junge Dichterin als „schwarze Sappho unserer östlichen Landschaft“ –  wohl auf ihren dunklen Teint und ihre Heimatlosigkeit, vielleicht auch auf ihre Leidenschaftlichkeit anspielend. Rose Ausländer ist es gelungen, „sich mit wenigen Worten ins Nichts zu schreiben“, die Leser ihrer schlichten lyrischen Kunstwerke mit Bildern zu konfrontieren, die sie nicht mehr loslassen: „Der Mond errötet / Kühle durchweht die Nacht / Am Himmel / Zauberstrahlen aus Kristall“ („Nachtzauber“) oder: „Wirf deine / Angst in die Luft / Bald ist deine Zeit um / bald / wächst der Himmel / unter dem Gras / fallen deine Träume / ins Nirgends / Noch duftet die Nelke / singt die Drossel / noch darfst du lieben / Worte verschenken / noch bist du da / Sei was du bist / Gib was du hast“ („Noch bist du da“).

Rose Ausländer hat in siebzig Jahren – zum Teil mit Pausen von einem Vierteljahrhundert – die deutsche Poesie des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt und ein dichterisches Werk von „unleugbarer Faszination“ (F. N. Mennemeier) geschaffen, in dem sich die Erfahrungen ihres wechselvollen Lebens spiegeln. Diese Lyrikerin könnte, finde ich, so „manche, die verlernt haben, heute Gedichte zu lesen, wieder zum Gedicht verführen“ (Barbara Bondy).